Geschichte

Den Beitrag auf den nächsten drei Seiten von Willy Rösel haben wir dem Jubiläumsband „Sein Wort brannte wie eine Fackel – 100 Jahre Pfälzischer evangelischer Verein für innere Mission e.V. (1875–1975)“  entnommen.
Der Beitrag auf der vierten Seite ist die Vorstellung des Regionalverbandes Pfalz in „Singt dem Herrn“ Nr. 1/1999 von Stephan Venter und Hermann Rösel.

Die ersten Chöre in der Pfalz

Über die ersten Anfänge einer Chorarbeit in unserem Gemeinschaftswerk liegen fast keine schriftlichen Aufzeichnungen vor. Wir wissen aber, dass der erste Gemeinschaftschor von Pfarrer Schollmayer in Weilerbach gegründet wurde, sehr bald nach seiner Berufung zum Vorstand in der Zeit zwischen 1890 und 1895. Er leitete den Chor selbst und suchte die Lieder aus. Zu seiner Entlastung setzte er auch den Bauer Reinhard Lang aus Erzenhausen als Dirigenten ein.

In einem Jahresbericht aus dem Jahr 1933 gibt der Stadtmissionschor in Kaiserslautern als Gründungsjahr „etwa 1890“ an, also nur drei Jahre nach der Gründung der Stadtmission. Aus diesen frühen Gründungsdaten wird deutlich, dass schon sehr bald das Verlangen bestand, nicht nur im Gemeindelied, sondern auch durch den Chorgesang Gott zu loben und das Heil in Christus zu verkündigen.

Durch Umfrage in den Chören waren noch einige weitere Gründungsdaten zu erfahren. In Hassel gründete 1900 Johannes Lehmann einen gemischten Chor und leitete ihn bis 1908. In Ludwigshafen, Böhlstraße, wurde ebenfalls 1900 unter Heinrich Spittler ein Stadtmissionschor ins Leben gerufen und als erster Dirigent Gustav Vorholz verzeichnet. Aus Pirmasens wird von der Gründung eines Chores im Jahr 1903 durch den ersten Chorleiter Johannes Bachert berichtet. Gründer der Gemeinschaft und des Chores Waldfischbach in den Jahren 1904 bis 1906 war Herr Oelzschner. In Gründstadt entstand unter Prediger Metzger etwa 1908 der dortige Gemeinschaftschor, den von 1911 an zehn Jahre lang Pfarrer Hans Leu leitete.

Noch weitere Chöre entstanden in den frühen Jahren des Jahrhunderts. Lehrer Hans Glasei aus Gundersweiler leitete den Chor von Rockenhausen. In Haßloch bestand seit 1908 ein Männerchor und seit 1910 ein gemischter Chor. Es bietet sich aus dieser Zeit das Bild des Wachsens und Blühens der Chöre in allen Teilen der Pfalz.

Aber in dies Blühen kam der Sturm des Ersten Weltkrieges. Weithin fehlten die Männerstimmen und Dirigenten – so lag der Chorgesang an den meisten Orten darnieder. Nicht überall erwachten nach dem Krieg die Chöre wieder zu neuem Leben. Aber dafür entstanden auch neue Chöre, wie in Enkenbach und Kirkel. Aus Zweibrücken wird sogar die Gründung des Chores während der Kriegsjahre berichtet. Die meisten Chöre wirkten nur in ihren Gemeinschaften oder Gemeinschaftsbezirken.

Der Pfälzische Sängerbund

Fast genau in der Mitte der 100-jährigen Geschichte unseres Gemeinschaftswerkes, in den Jahren 1926 und 1927, geschah die Gründung eines eigenen Sängerbundes. Darüber liegen zahlreiche Dokumente vor und geben ein deutliches Bild des Geschehens. Nach einer vorangegangenen ersten Besprechung trat am 29. Mai 1927 eine Dirigentenkonferenz im Landesmissionshaus in Neustadt zusammen. Etwa 25 Dirigenten waren erschienen.

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Beraten wurde, wie der Beschluss der früheren Konferenz, einen eigenen Pfälzer Sängerbund zu gründen, in die Tat umgesetzt werden solle. Nach einer lebhaften Aussprache der Dirigenten mit Inspektor Maue wurde man sich einig: Alle Chöre der pfälzischen Gemeinschaften schließen sich zum „Sängerbund des Pfälzischen evangelischen Vereins für innere Mission“ zusammen. Wenn Chöre bis dahin einem anderen Sängerbund angeschlossen waren, so bringen sie um der gemeinsamen Pfälzer Sache willen das kleine Opfer und lösen diese Bindung. „Wir sind zahlreich genug, um selbständig bleiben zu können“, lautet ein Satz im Protokoll. Die Versammelten waren sich einig, die Satzungen des pfälzischen Posaunenchorverbandes als Grundlage für den neuen Sängerbund zu nehmen.

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Eine wichtige Frage behandelt: „Wo bekommen wir in Zukunft unsere Noten her?“ Der Arbeitsausschuss, der mit der Beantwortung betraut wurde, wirkte unter der Leitung des damaligen Lehrers Heinrich Borchers aus Landau. Er gab für den Pfälzer Sängerbund eigene Notenblätter heraus. Bis zum Jahr 1934 wurden unseren Chören elf solcher Blätter in die Hände gegeben. Neben bekannten Liedern aus der Reformationszeit und von Paul Gerhardt mit Sätzen von J. S. Bach, Hermann, Crüger, Vulpius und Praetorius bekamen auch neue Lieder ihren Platz. Besonders freuten sich die Chöre darüber, dass eine Reihe von Liedern in Vertonung von Heinrich Borchers erschienen.

Als Landesdirigent wurde Stadtmissionar Johannes Weber aus Neustadt berufen. Vertretungsweise folgte ihm für kurze Zeit Prediger Adam Krumrey, bis dann 1932 Prediger Johannes Welk(Bild rechts) die Leitung der Pfälzer Chorarbeit übernahm und sie 30 Jahre lang über schwere Zeiten hinweg in großer Treue und mit viel Liebe ausübte. Die Mitwirkung eines großen Chores bei den Hauptjahresfesten sowie besondere Gesangs- und Posaunenfeste wurden ein wichtiger Bestandteil unsres pfälzischen Gemeinschaftslebens.

Dem eigenständigen Pfälzer Sängerbund war kein langes Bestehen beschieden. Unter der Herrschaft des Nationalsozialismus wurde er gezwungen, sich aufzulösen und einem größeren Chorverband anzuschließen. Die frühere Verbindung einer Anzahl von Chören mit dem Evangelischen Sängerbund bewog zu einer Mitgliedschaft in diesem Bund. Seither sind unsere Chöre als „Kreisverband Pfalz“ – ohne einem Landesverband anzugehören – direkt dem Evangelischen Sängerbund angeschlossen.

1999 wurden die Landes- und Kreisverbände in Regionalverbände umbenannt. Die Chöre der Pfalz wurden zu Regionalverband Pfalz (Anmerkung der Redaktion).

Der Neuaufbau nach dem Krieg

Auch der Zweite Weltkrieg hatte den Dienst der Chöre an vielen Orten erliegen lassen. (Zweibrücken berichtet, dass zeitweilig zwei Soldaten als Gastdirigenten den Chor leiteten.) Nach dem Krieg wurde die Arbeit wieder aufgebaut. Neu entstand als jüngster unserer Gemeinschaftschöre der Chor in Eisenberg im Jahr 1948. Die Verbindung unserer Chöre mit dem Evangelischen Sängerbund blieb auch über den Zwang des Staates im „Dritten Reich“ hinaus bestehen. Als einer aus unserer Mitte tut Wolfgang Borchers, Sohn unseres Predigers Gerhard Borchers, seit 1963 den Dienst eines Bundeswartes im Evangelischen Sängerbund.

Durch Chorbesuche und Chorleiterkurse gaben uns die Bundeswarte Keil, Leuchtmann, Borchers, Reinhold und Horst Weber Zurüstung für unsere Chordienste.

Zur Zeit gibt es einen Musikreferenten Thomas Wagler, nachdem Jürgen Groth am 1.12.2016 ausgeschieden ist. (Anmerkung der Redaktion).

Viele unserer Sänger besuchen regelmäßig die Bundesfeste und Singefreizeiten des Evangelischen Sängerbundes und kommen erfreut und neu ausgerüstet in ihre Chöre. Dankbar denken wir auch an die Chorleitung von Bundeswarten bei unseren Gesangs- und Posaunenfesten.

Mit seinen jährlich mehrmals erscheinenden Liederblättern bietet der Evangelische Sängerbund unseren Chören wertvolles Liedgut. Unverkennbar ist das Bemühen, Texte mit biblisch klaren Aussagen zu bringen. Zur Vertonung der Lieder lesen wir im Buch zum 75-jährigen Bestehen des Evangelischen Sängerbundes „Dem Volk ins Herz“: „Was wir heute verlangen, ist ein ausgeglichenes Wort-Ton-Verhältnis, das heißt, dass die Töne den Text genauso ausdeuten, wie wir das bei dem Predigtext von der Predigt erwarten. Dass dabei auch mal musikalische Härten auftreten können, liegt in der Natur der Texte.“ Es wird weder oberflächlichen Texten noch Melodien Raum  gewährt. Dennoch sind auch viele leichte und schnell einzuübende Lieder für kleine Chöre und weniger geübte Sänger angeboten.

Zum Einüben und Vortragen schwieriger Lieder und größerer Motetten sind Sänger und Chorleiter sehr dankbar für die in den letzten Jahren mehr und mehr geübte Praxis der Gemeinschaftsproben aller Chöre der Regionen Nord-, West-, Süd- und Vorderpfalz. Dazu stehen seit 1972 als Chorwarte die Brüder Helmut Borchers, Speyer, und Hans Steitz, Kaiserslautern, im Dienst unserer Chöre, nachdem 1962 Stadtmissionar Willy Rösel die Nachfolge von Prediger Welk als Landeschorleiter angetreten hatte.

Seit 1998 ist Stephan Venter Landeschorleiter (Anmerkung der Redaktion).

Wir über uns in “Singt dem Herrn”

Die neue ESB-Satzung ist seit wenigen Wochen komplett, und wir werden uns nun auch daran machen, einen „Regionalverband“ zu gründen bzw. die Umbenennung des Landesverbandes zu beschließen, denn es wird keine organisatorischen Änderungen geben.

Doch nun alles schön der Reihe nach:

Die Geschichte der Pfalz ist interessant und auch nicht ganz typisch für den ESB. Wir waren einfach da, ohne ein Landesverband zu sein oder einem solchen anzugehören. Und das kommt schlicht und einfach daher, dass wir bis in die 30er Jahre selbständig waren. Denn es gab einen „Sängerbund für die Gemeinschaftschöre in der Pfalz“. Es gab eigene pfälzische Notenausgaben mit allem, was dazugehörte.

Wuppertal war weit weg, und die Pfalz machte ihre Sache für sich. Der pfälzische Sängerbund wurde geleitet vom Onkel des Bundeswartes Wolfgang Borchers, dem späteren Oberregierungsschulrat Heinrich Borchers.

Doch schließlich schlossen sich alle pfälzischen Gemeinschaftschöre dem Evangelischen Sängerbund an. Der Zeitpunkt des Beitritts ist nicht mehr genau festzustellen. Doch bald nach dem Ende des Krieges im Jahr 1945 waren alle Chöre beim ESB.

Die Chorarbeit in der Pfalz leitete damals Prediger Johannes Welk. 1962 übernahm Prediger Willy Rösel diese Aufgabe. Zehn Jahre später gab es dann mit Helmut Borchers einen „Landeschorleiter“. Er hat dieses Amt 1998 an Stephan Venter übergeben.

1978 wurde Hermann Rösel zum Vorsitzenden (Obmann) der pfälzischen (ESB-) Gemeinschaftschöre gewählt. Zugegeben, es lief bei uns nicht alles 100-prozentig nach der ESB-Satzung. Das waren offensichtlich immer noch die Auswirkungen der „autonomen Pfalz“ aus den 20er und 30er Jahren.

So war es auch nicht weiter verwunderlich, dass wir beim ESB in Wuppertal offiziell nie so richtig wahrgenommen wurden. Wir fühlten uns dadurch keineswegs benachteiligt und waren einfach inoffiziell da.

Wir fungierten beim ESB als „Kreisverband“ mit quasi Landesverbandsstatus. 1990 wurde der Vorsitzende des „Landesverbandes Pfalz-Saar“, Hermann Rösel, als erster pfälzischer Vertreter in den ESB-Bundesvorstand gewählt.

Die Arbeit des Landesverbandes geschieht ausschließlich im Rahmen des Evangelischen Gemeinschaftsverbandes Pfalz, dessen Gebiet geographisch identisch ist mit dem der Evangelischen Kirche der Pfalz, bestehend aus dem ehemaligen bayerischen Regierungsbezirk Pfalz (der auch einen Teil des jetzigen Saarlandes umfasst).

Nach einer Aufstellung der Geschäftsstelle in Wuppertal von 1962 hatte der „Landesverband“ 28 Chöre. Davon sind 1998 noch 15 übriggeblieben. Nicht alle Chöre haben einfach aufgehört zu existieren. Es gab auch Zusammenlegungen in den Gemeinschaftsbezirken. Doch der Rückgang ist unverkennbar deutlich.

Das Landesjahresfest des Gemeinschaftsverbandes ist zugleich auch immer das Kreis- bzw. Landesverbands-Sängerfest gewesen.

Zur „Chorarbeit life“ einige Anmerkungen des Landeschorleiters:

Ähnlich wie in der Posaunenarbeit läuft in der Pfalz die Chorarbeit beim Landeschorleiter zusammen. Diese Arbeit umfasst alle musikalischen überregionalen Veranstaltungen und Aktionen wie zum Beispiel Konferenzen, das Landesjahresfest, an dem sich alle musischen Gruppen des Gemeinschaftsverbandes beteiligen, oder auch sonstige Feste und Konzerte.

Bis in die jüngere Vergangenheit gab es im zweijährigen Rhythmus im Wechsel mit den ESB-Bundessängerfesten in der Pfalz das Gesangs- und Posaunenfest, das ähnlich wie ein Bundesfest ablief.

Auf der Suche nach „neuen Wegen“ wurde dieses Fest 1997 durch die „Tage der Musik“ ersetzt. Vorbereitet vom „Arbeitskreis Musik“ fand an einem schönen Samstag im Mai ein musikalischer Gemeinschaftstag mit Bootsfahrt, Klangmeile und Grillparty mit Talentschuppen in Speyer statt. Diesem Tag folgte der Sonntag mit zwei Festveranstaltungen in der Kirche. Für das Jahr 2000 ist die Beteiligung an der Landesgartenschau in Kaiserslautern geplant.

Ein Höhepunkt der Chorarbeit in der Pfalz ist das jährliche Wochenendsingen im Gemeinschaftszentrum Trippstadt im November. Diese Zeit nutzen unter anderem einige Chorleiter, um in dem etwa 70 Sänger und Sängerinnen starken Chor neue Chorsätze aus der ESB-Literatur kennenzulernen.

Hermann Rösel und Stephan Venter

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